14. Dezember 2020


DER ALLERKLEINSTE TANNENBAUM

Es war kurz vor Weihnachten. Ein kleiner bunter Vogel flog zum Fest in die Stadt. Da sah er auf einem Hügel einen kleinen Tannenbaum. «Gehst Du nicht in die Stadt?« fragte ihn der Vogel.


«Nein» sagte der Tannenbaum. «Ich bin zu klein für Weihnachten». Und er brach in Tränen aus. Der kleine Tannenbaum erinnerte sich, dass seine grossen Brüder immer zu ihm sagten: «wenn Du nicht schneller wächst, wirst Du nie ein rechter Weihnachtsbaum».


Eines Tages wurden sie alle zum Weihnachtsfest in die Stadt abgeholt. Da freuten sie sich sehr und hoben stolz ihre schönen Äste.


Nur der kleine Tannenbaum wurde stehen gelassen. Er fühlte sich jetzt sehr einsam und schluchzte: «Ach, wenn ich doch grösser wäre und bei meinen Brüdern in der Stadt sein dürfte». «weisst Du was?» sagte der Vogel zum Tannenbaum. «Ich werde dir helfen. Ich fliege zu meinem Freund dem Esel».


Bald darauf kam ein Fuchs vorbei. Auch er lief zum Weihnachtsfest in die Stadt. «Gehst du nicht in die Stadt?» fragte der Fuchs den Tannenbaum. «Nein, ich bin zu klein» antwortete der Tannenbaum und musste wieder weinen. Der Fuchs hatte noch nie einen so kleinen Baum gesehen. Aber weil er nicht wusste, wie er ihm helfen sollte, lief er weiter.


Inzwischen kam der Vogel mit seinem Freund, dem Esel, zurück. «Du hast mir nicht gesagt, dass der Weg so weit ist» brummte der Esel. Er ärgerte sich, dass er so kurz vor Weihnachten nicht in der Stadt sein konnte. Er wollte doch nichts von dem schönen Fest versäumen. «Siehst du, jetzt sind wir da» sagte der Vogel und zeigte mit dem Flügel auf den kleinen Tannenbaum. Der Esel musste sich bücken, um den winzigen Baum überhaupt zu sehen. Seine Augen waren vor Überraschung weit geöffnet. Es war der kleinste Tannenbaum, den er jemals gesehen hatte.


«Wie geht es dir?» fragt der Esel höflich. «Ach, wenn ich doch grösser wäre» schluchzte der kleine Tannenbaum. «Dann wäre ich jetzt bei meinen Brüdern in der Stadt. Ich glaube, ich werde das Weihnachtsfest nie erleben». «Weine nicht» tröstete ihn der Esel. «Schau da drunten die Lichter in der Stadt. Dort stehen sie alle, die vielen Weihnachtsbäume und werden schon mit Kerzen geschmückt. Deine Brüder sind auch dabei. In jeder Stube steht ein prächtiger Tannenbaum und darunter werden die Kinder ihre Geschenke auspacken. Dann werden sie alle die schönen Weihnachtslieder singen. Hör auf zu weinen, kleiner Tannenbaum! Vielleicht bist du nächstes Jahr auch dabei.»


Der Tannenbaum weinte schon nicht mehr. Die freundlichen Worte des Esels hatten ihn beruhigt. «Ja, vielleicht nächstes Jahr …» murmelte er und schlief ein. Der Vogel und der Esel seufzten erleichtert und auch sie schliefen ein. Sie hatten einen langen Tag hinter sich und waren sehr müde. Un während sie schliefen begann es leise zu schneien.


Es kam der Morgen vor dem heiligen Abend. Der Esel und der Vogel wischten sich die Schneeflocken aus den Augen. Überall um sie herum glänzte der Schnee in der Sonne, und auch der kleine Tannenbaum war ganz mit Schnee bedeckt. Er war jetzt der schönste Tannenbaum, den man sich denken konnte.


Da begannen der Vogel und der Esel ihr liebstes Weihnachtslied zu singen.


Als die anderen Tiere den Gesang hörten, verliessen sie ihr Versteck im Wald und in den Wiesen und machten sich alle auf den Weg. Auch sie wollten dort sein, wo so schön gesungen wird. Sie versammelten sich alle um den kleinen Tannenbaum auf dem Hügel und sangen  mit dem Vogel und dem Esel.


Inzwischen war es dunkel geworden. Die Sterne leuchteten vom Himmel herab auf den Schnee und den kleinen Tannenbaum. Er war jetzt der schönste Weihnachtsbaum auf der ganzen Welt.


Als Weihnachten vorüber war, verabschiedete sich der Esel und lief heim in die Stadt. Er versprach dem kleinen Tannenbaum, zum nächsten Weihnachtsfest wieder zu kommen. Der Vogel aber wollte bis zum Frühling bei dem kleinen Tannenbaum bleiben. Und der Tannenbaum beklagte sich nie mehr darüber, dass er so klein war.