3. Dezember 2020


Die Tanne von St. Martin

Von Paul Coelho

Als der Priester der kleinen Dorfkirche von St. Martin in den französischen Pyrenäen sich am Heiligen Abend bereit machte, die Messe zu lesen, roch er plötzlich einen wunderbaren Duft. Es war Winter und die Blumen längst verschwunden - doch da lag dieser köstliche Wohlgeruch in der Luft, als sei es vorzeitig Frühling geworden.
Verwirrt trat der Priester vor die Kirche, um herauszufinden, woher dieses Wunder rührte, und traf auf einen halbwüchsigen Jungen, der auf der Schwelle des Schultores sass. Neben ihm stand etwas, das aussah wie ein goldener Weihnachtsbaum.
«Was für ein wunderschöner Baum!», sagte der Priester. «Er schient den Himmel zu berührt zu haben, denn er verströmt einen himmlischen Duft. Und er ist aus Gold! Woher hast du ihn?»
Der Junge schien sich über die Bemerkung des Priesters nicht zu freuen.
«Je länger ich ging, umso schwerer ist das hier geworden und die Nadeln sind inzwischen ganz hart. Doch das kann kein Gold sein. Ausserdem habe ich Angst, was meine Eltern sagen werden.»
Der Junge erzählte, wie es dazu gekommen war:
«Heute Morgen bin ich in die grosse Stadt, nach Tarbes, gegangen. Meine Mutter hatte mir Geld für einen schönen Weihnachtsbaum gegeben. Als ich aber durch ein Dorf kam, sah ich eine alte Frau alleine dasitzen, die gewiss niemanden hatte, mit dem sie das grosse Fest der Christenheit feiern konnte. Ich gab ihr etwas Geld für das Abendessen, denn ich war sicher, beim Kauf des Baumes einen Nachlass zu bekommen.
In Tarbes angelangt, kam ich vor dem grossen Gefängnis vorbei, und ein paar Leute warteten auf die Besuchszeit., Alle waren traurig, denn sie würden den Abend fern von ihren Lieben verbringen. Ich hörte, wie einige davon sprachen, dass sie nicht einmal ein Stück Pastete hatten kaufen können. Da beschloss ich ganz spontan, mein Geld mit ihnen zu teilen, die es nötigen hatten als ich. Ich würde noch einen kleinen teil für das Mittagessen behalten. Der Gärtner, ein Freund meiner Familie, würde mir bestimmt den Baum umsonst geben, und ich würde nächste Woche für ihn arbeiten und so meine Schulden bezahlen. Doch als ich am Markt anlangte, erfuhr ich, dass der Gärtner nicht zur Arbeit gekommen war. Ich versuchte auf alle erdenkliche Weise jemanden zu finden, der mir Geld lieh, damit ich irgendwo anders einen Baum kaufen konnte, doch ich hatte kein Glück.
Ich sagte mir, wahrscheinlich würde ich mit einem vollen Bauch besser nachdenken können. Ich war gerade auf dem Weg zu einem Imbiss, als ein kleiner ausländisch wirkender Junge mich bat, ihm ein paar Münzen zu geben, denn er habe seit zwei Tagen nichts gegessen. Da ich mir sagte, auch das Jesuskind habe sicher einmal hungern müssen, gab ich ihm das bisschen Geld, das mir noch übrig geblieben war, und machte mich auf den Nachhauseweg. Auf dem Weg brach ich einen Tannenzweig ab. Ich versuchte ihn zurechtzuschneiden, aber er wurde so hart wie Metall und sah bei weitem nicht so aus wie der Weihnachtsbaum, den meine Mutter erwartet.»
«Mein Lieber», sagte der Priester. «Der Duft dieses Baumes lässt keinen Zweifel daran, dass er vom Himmel berührt wurde. Lass mich dir den Rest deiner Geschichte erzählen:
Sobald du die alte Frau verlassen hattest, bat sie gleich die Jungfrau Maria, die Mutter war wie sie, dir diesen wunderbaren Segen zurückzuzahlen. Die Verwandten der Häftlinge waren überzeugt, einem Engel begegnet zu sein, und dankten den Engeln für die Pasteten, die sie hatten kaufen können. der Junge, dem du begegnet bist, hat Jesus dafür gedankt, dass sein Hunger gestillt wurde.
Die heilige Jungfrau, die Engel und Jesus hörten die Gebete derer, denen geholfen worden war. Als du den Tannenzweig gebrochen hast, hat die heilige Jungfrau ihm den Duft der Barmherzigkeit verliehen. Während du gingst, haben die Engel seine Nadeln berührt und sie in Gold verwandelt. Danach betrachtete Jesus das Werk und segnete es, und von nun an werden jedem, der diesen Weihnachtsbaum berührt, die Sünden vergeben und die Wünsche erfüllt.»
Und so geschah es. Die Legende erzählt, dass die heilige Tanne sich immer noch in St. Martin befindet. Doch ihre Kraft ist so gross, dass alle Menschen, die ihrem Nächsten  am Heiligen Abend helfen, mögen sie noch so weit von dem kleinen Dorf in den Pyrenäen entfern sein, von ihr gesegnet werden.

In Anlehnung an eine chassidische Geschichte