5. Dezember 2020


Vom wunschlos unglücklichen Manne (Märchen – nachdenklich)


Ein Mann besuchte den Jahrmarkt. Dort entdeckte er ein dunkles Zelt. Davor ein Holzschild:
ZELT DER WÜNSCHE – TRETEN SIE EIN
Von aussen konnte man nicht sehen, was sich im Innern des Zeltes verbarg, das nur einen Spaltbreit offen stand. Ganz geheuer war es dem Manne nicht, aber von Neugier getrieben, trat er ein.


«Ah, ein Kunde» - die Stimme tönte wie das Kratzen einer Gabel auf Glas. Der Mann erkannte im Dunkel des Raumes eine Gestalt, deren Gesicht war fast vollständig unter einer grossen schwarzen Kapuze verborgen. 


«Womit kann ich dienen»


«Worin besteht ihr Geschäft?»


«Mein Geschäft liegt in der Erfüllung von Wünschen»


«Wie darf ich das verstehen?»


«Haben Sie etwa keine Wünsche, mein Herr, sind Sie wunschlos glücklich?»


Der Mann überlegt kurz. «O doch, sicher, ich habe durchaus Wünsche….wenn ich’s mir überlege, etwas mehr Geld wäre mir recht.»


«Geld? Das dürfte kein Problem sein. Ich kann Sie reich machen. Dafür verlange ich auch nicht mehr als, sagen wir, ihr Lächeln.»


«Mein Lächeln?»


«Nun, ich bin Händler. Ich biete Ihnen Reichtum zu geringen Preis Ihres Lächelns…»


«Mein Lächeln…»


«Ganz richtig. Jeder hat so seine Wünsche; Sie sehnen sich nach Reichtum, ich sehne mich nach der Fähigkeit zu Lächeln».


«Gut, warum nicht?»…auf sein Lächeln würde er wohl verzichten können, angesichts des Geldsegens, der ihn erwarten würde, dachte der Mann. 


Und so geschah’s, und der Mann verliess das Zelt und den Jahrmarkt – nunmehr ohne Lächeln auf dem Gesicht. Nicht ohne Staunen stellte er fest, dass sich sein Daheim in eine prachtvolle Villa verwandelt hatte. Truhen voller Geld standen in den Zimmern, im Keller lag erlesener Wein, Luxus überall. Der Mann erfreute sich seines Reichtums, auch wenn ihm dieser kein Lächeln mehr auf die Lippen zaubern konnte.
Ein Jahr verging, der Mann gewöhnte sich an den Reichtum und spürte eine neue Unzufriedenheit aufkeimen. So trieb es ihn wieder zum Jahrmarkt und ein zweites Mal in das Zelt des wunderlichen Händlers. 


«Willkommen, mein Herr, was führt Sie diesmal zu mir?»


«Nun ja», erwiderte dieser,«eine Prachtvilla, viel Geld und erlesenen Wein habe ich bereits. Aber es fehlt mir an Gesellschaft, mit der ich dieses Glück teilen könnte. Mir fehlt eine Frau an der Seite».


«Aber sicher doch, der Herr, kein Problem. Für ihren Augenglanz erhalten Sie die schönste Gemahlin». «Für meinen Augenglanz?» Konnte das etwa ernst gemeint sein?


Der Händler meinte es jedoch todernst: «Ich sehe oft in die Augen der Menschen, allen voran den Kindern. In den besten Augenblicken fangen sie an zu funkeln und zu glänzen, und das ist es, was mir fehlt.» Also gut, dachte der Mann! Und diesmal wurde der Pakt mit Handschlag besiegelt. 


Der Mann kehrte Heim und es öffnete ihm wie durch ein Wunder eine bildschöne Frau die Tür. 


Und er lebte mit ihr und betete sie an. Allerdings war ihm dabei, als würde seine Gemahlin ihn nicht ganz so vergöttern wie er umgekehrt sie. Lag es daran, dass er nicht so gutaussehend war wie sie?


Sobald sie ihm in die Augen blickte, wandte sie sich gleich wieder von ihm ab.
Ein Jahr der Ungewissheit musste er darüber ertragen, bis erneut Jahrmarkt war.


Diesmal äusserte der Mann seinen Wunsch sofort:


«Bitte machen Sie mich schön! Sagen Sie mir, was es kostet!»


«Ich gebe dir Schönheit für deine Fähigkeit zuzuhören.»


«Wie bitte?».


«Sei unbesorgt. Deine Ohren werden weiterhin jeden Ton vernehmen können – nur das Zuhören wird dir fortan verwehrt bleiben. Das nämlich ist die Fähigkeit, die mir fehlt.»


«Meinetwegen, meinetwegen!»

Und abermals kehrte der Mann nach Hause zurück, ein grosser, kräftiger, ein umwerfend gutaussehender Mann, der alle Blicke auf sich zog. Bis er mit den Menschen ins Gespräch kam und diese sich erschrocken von ihm abwandten, da ihr Gegenüber niemals lächelte. 


Und wenn sie in seine stumpfen Augen blickten, dann spiegelte diese nie auch nur einen Funken Begeisterung, dabei war es doch das, wonach sich die Menschen sehnten. Ausserdem konnte der merkwürdige Mann noch nicht einmal zuhören!


Und so hatte der Mann alles und doch fehlte ihm Entscheidendes.


Dies ist das Ende der Geschichte vom wunschlos unglücklichen Mann.

aus: «Das Buch eines Sommers», Bas Kast, Diogenes 2020, S. 140ff


Ist dies wirklich das Ende der Geschichte? Wie könnte sie weitergehen?
Wir sehnen uns alle nach einem Happy End, im persönlichen Leben, in den Fragen unserer Zeit, im Blick auf diese Welt.